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Interview mit Udo Jürgens zum neuen Album – Der ganz normale Wahnsinn

Am 18. März 2011 erscheint das neue Album Der ganz normale Wahnsinn mit Udo Jürgens. Die Firma Ariola hat uns freundlicherweise ein ganz langes Interview zur Verfügung gestellt. Udo Jürgens äußert sich zum neuen Album und allgmein zum Leben. Viel Spaß!

Udo Jürgens – Der Ganz Normale Wahnsinn bei Amazon

Das Interview

Redaktion:
Udo Jürgens, wie empfinden Sie selber Ihr neues Album „Der ganz normale
Wahnsinn“?

Also ich muss Ihnen ehrlich sagen, es ist ein ganz eigenartiges Gefühl und das hat mich total berührt. Es war sehr spät in der Nacht, zwei Uhr morgens, und ich habe das ganze Album durchgehört. Dabei sind doch etliche Titel, die sehr viel Autobiographisches ausdrücken. Sehr viel persönliche Glücks- und Unglücksgefühle, Angst und Hoffnung, all das, was uns prägt. Und das hat mich sehr berührt, so dass ich hinterher zwei Stunden nicht einschlafen konnte. Es war richtig, richtig aufregend für mich! Jetzt, wo sich das etwas gelegt hat, wo ich die ersten Reaktionen bekomme, die ungewöhnlich wunderbar für mich sind, da fällt eine große Spannung von mir ab… Ich bin sehr, sehr glücklich über dieses Album.

Redaktion:
Wie lange hat die Vorbereitungszeit gedauert und was ist wesentlich bei der Produktion des Albums gewesen?

Genau vor einem Jahr begann ich mit der Arbeit an diesem Album. Zu der Zeit hatte ich ein Problem mit meiner Hüfte. Ich wurde operiert und das war etwas kompliziert. Letztlich konnte  ich nur eine Sache wirklich perfekt machen: sitzen. Ich konnte nicht liegen, ich konnte nicht gehen und habe mich an Krücken herum geschleppt. Wenn ich aber gesessen bin, habe ich mich am wohlsten gefühlt. Also, was ist nahe liegender, als sich ans Klavier zu setzen? Und da sind –  ohne, dass ich das geplant hatte – plötzlich die Ideen zu Liedern gekommen. Also bin ich gleich am Ball geblieben, und schneller als ich geglaubt habe, hatte ich sieben, acht Ideen beieinander. Ich konnte wirklich zielstrebig beginnen, an diesem Projekt zu arbeiten und wie ich dann im Sommer fertig war, hatte ich 14 Songs zusammen. Da habe ich gedacht: Jetzt produziere ich. Ich musste natürlich sofort Berlin anrufen, meinen Produzentenpartner Peter Wagner. Dabei haben wir beide plötzlich festgestellt, dass die Songs so ein ehrliches Potenzial haben, dass wir diesmal wirklich alles mit lebendigen Musikern, mit Menschen, aufnehmen sollten. Man wird das hören, so wie man früher produziert hat, also richtiges Orchester nehmen. Und so habe ich meine eigene Rhythmusgruppe aus dem Orchester Pepe Lienhard nach Berlin eingeflogen. Aus den Berliner Orchestern, aus den Philharmonikern bis zu dem Opernorchester aus Berlin, aus allen Orchestern suchte ich wirklich die Elite der Musiker zusammen. So wurde ein über 100 Mann starkes Philharmonisches Orchester zusammengestellt; übrigens gemeinsam mit dem Jerry Bertram, der in Berlin die Musikerbestellung macht. Und siehe da, auf einmal hatten wir wirklich ein herrliches Orchester. Anschließend habe ich das mit Michael Reed besprochen. Mit dem habe ich ja schon an meinem Musical erfolgreich gearbeitet, der war 14 Jahre der Assistent von Andrew Lloyd Webber, hat eine ungeheure Erfahrung im großen Orchester. Wir beschlossen, das mit meiner eingespielten Rhythmusgruppe zu arrangieren: Mit einem großen Klangkörper die Stücke einspielen. Und während der Arbeit haben wir schon bemerkt, dass es etwas Besonderes wird. Jetzt, nach langer Arbeit, nach insgesamt einem Jahr, liegt die Platte vor. Für mich nach wie vor ein kleines Wunder, dass das immer wieder gelingt!

Redaktion:
Sind Sie früher taktisch vorgegangen bei der Produktion eines Albums?

Man hat damals natürlich alles sehr wohl überlegt und geplant: Marktanalysen gemacht und sich auch die Hitparade angehört, die bekannten Lieder, um zu hören, wie klingt heute erfolgreiche Musik. Das ist aber letztendlich kein guter Weg, muss ich ganz ehrlich sagen. Man macht dann den Fehler, dort und hier zu kopieren. Man versucht nachzumachen, irgendetwas Grandioses, was nicht gelingt. Man sollte nur in sich hinein hören, in die eigene Sprache, in die eigene Einsamkeit, in das eigene Suchen, in die eigene Sehnsucht. Und dort entsteht ja auch, wenn man Musiker ist, Musik oder Literatur, wenn man Schriftsteller ist. Und dann kommt etwas Authentisches und das ist etwas, was ich in den letzten Jahren oder Jahrzehnten sehr konsequent mache, heute noch konsequenter als früher.

Redaktion:
Sind Sie heute Taktiker, wenn Sie produzieren?

Eine junge Karriere muss auch mit einer Taktik geplant werden, man kann nicht einfach drauflos musizieren. Es kann sein, dass das manchmal kurzfristig gelingt. Man schaut sich natürlich den Markt an, man hat Vorbilder. Aber dann beginnt man einen eigenen Weg und da färbt alles Mögliche ab. Aber heute habe ich natürlich keine Taktik mehr. Heute höre ich einfach tief in mich hinein, so tief wie möglich, und versuche, das zu machen, was mir gefällt, woran ich glaube, hinter dem ich stehe. Und dann sehe ich, ob Menschen da sind, die das hören wollen. So wie es scheint, gibt es die. In meinen bisherigen Konzerten, die immer ausverkauft, gut besucht, wunderbar und einfach große Erlebnisse waren, kann ich eben dann auch die Musik machen, von der ich glaube, dass sie die Menschen hören wollen.

Redaktion:
Wo ist Ihr neues Album entstanden?

Am meisten habe ich in Berlin produziert und das, muss ich sagen, ist dort auch ein wenig Heimat. Das Studio, Hansastudio in Berlin, ist eines der internationalsten Studios, die es auf der Welt gibt. Dort haben wirklich die großen internationalen Stars produziert. Die gehen dort ein und aus, die trifft man dort dann auch. Aus diesem Grund glaube ich, dass ich richtig beraten war, mit diesem großen Projekt an einem Ort zu sein, der meine Sprache, meine Gefühle, meine Gedanken beherbergt. Berlin ist ja eine Stadt, die seit meiner Jugend immer in meinem Leben eine Riesenrolle gespielt hat. Deswegen ist das mein Album, das ich hier produziert habe, mit meiner internationalen Erfahrung.

Redaktion:
Wie beständig muss Ihr Team sein, mit dem sie zusammenarbeiten?

Ich kann nur mit Leuten zusammen arbeiten, die ihre Qualität halten, auch über Jahre. Dann ist mir vollkommen egal, ob der jung oder alt ist. Ich arbeite gerne mit alten, aber vor allem arbeite ich viel mit jungen Leuten. Vor allem die Musiker, mit denen ich musiziere, sind hauptsächlich jung, und ich muss voll Begeisterung sagen, wie gut ausgebildet heute die jungen Musiker sind. Das war vor 20, 30 Jahren überhaupt nicht so. Wir haben damals unsere Probleme gehabt. Nur jetzt sind die jungen Musiker, die nachkommen, von einer Qualität, das ist wirklich phantastisch. Sowohl im klassischen Bereich als auch in der Pop- oder Jazzmusik.

Redaktion:
Ihr Album heißt „Der ganz normale Wahnsinn“.
Was macht der „ganz normale Wahnsinn“ mit Ihnen?

Der ganz normale Wahnsinn beherrscht uns. Wir müssen das einfach erkennen, dass wir auf der einen Seite begeistert sind von der Schönheit unserer Welt und andererseits erschüttert sind, dass wir Menschen nicht behutsamer damit umgehen. Vielleicht merken wir jetzt langsam, dass der grüne Gedanke, ohne jetzt Parteipolitik machen zu wollen, also der wichtige Gedanke des Umweltschutzes immer mehr um sich greift. Das ist ein sehr beruhigendes Gefühl. Beunruhigend mag da für mich persönlich jetzt sein, dass grünes Gedankengut immer Hand in Hand geht mit extremen sozialistischen, kommunistischen Weltanschauungen. Das stört mich sehr, muss ich Ihnen ehrlich sagen, aber der grüne Gedanke ist unerhört wichtig. Wir müssen schauen, dass wir mit dem Erdball, den wir haben, den wir nicht aufblasen und nicht größer machen können, der aber nur für eine beschränkte Anzahl Menschen Platz hat, behutsam umgehen. Auch beim Weltraumschrott und all diesen Dingen, die um die Erde kreisen, müssen wir darauf achten, dass das in einem vernünftigen und verantwortungsvollen Maß bleibt. Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Sache. Aber es ist eine Welt, die wir betrachten und feststellen, 8 Milliarden Menschen, die wir bald sind, das ist zu viel, das verkraftet der Erdball nicht mehr. Es werden 10 Milliarden sein. Wir müssen wirklich jetzt versuchen, mit diesen Problemen umzugehen. Denn wenn wir uns umschauen, auch der Drang nach persönlicher Freiheit, nach Selbstbestimmung weltweit, der wird ein Erdbeben, ein politisches, verursachen, von dem wir jetzt einen Vorgeschmack bekommen haben. Aber es wird viel mehr passieren in diese Richtung. Und umso mehr ist diese Welt ein Wahnsinn, es ist ein vollkommener Wahnsinn, wenn wir da rein schauen. Diejenigen, die hier die Verantwortung tragen, die Verantwortungsträger, die Politiker, die müssen auch letztendlich von uns Bürgern kontrolliert werden. Und so gesehen sind das Internet und diese modernen Medien, die wir auch oft beschimpfen, weil sie auch einen Freiraum für Verbrechen sind, ein gewisser Garant für Sicherheit. Denn es kann sich niemand mehr alles leisten und so gesehen finde ich das eine Entwicklung, die sehr positiv ist und Hoffnung macht. Vielleicht kriegen wir das ja in den Griff.

Redaktion:
Sie gelten als Zeitkritiker und haben gesellschaftspolitische Themen in ihrer Karriere immer wieder behandelt. Das zeigt sich jetzt unter anderem an Ihrem Lied „Du bist durchschaut“…

Ich habe ja solche Themen immer aufgegriffen, die auf den Nägeln brennen. „Du bist durchschaut“ ist natürlich ein witziges Lied, aber es hat einen ganz ernsten Hintergrund. Es ist die Geschichte, dass Kameras in jeden Garten gucken, nahezu in jede Wohnung, in jedes Haus. Nichts mehr kann geheim bleiben, aber das ist auch unsere Chance. Und unsere Chance ist die Jugend, die sich mit diesen modernen Medien abgibt und die auf diese Art und Weise, ohne es zu wollen, unbewusst die Welt kontrolliert. Eigentlich wollen sie sich ja nur amüsieren, sie verabreden sich, sie stellen fest, dass sie unterdrückt werden. Sie tauschen sich über diese Dinge aus und dann geraten Regierungen in Schräglage und das ist, glaube ich, eine Entwicklung, die alle beobachten werden. Es wird auf Dauer nicht möglich sein, dass wir alle Internetnetze dort abstellen, wo es schwierig wird. Und das ist auch gut so.

Redaktion:
Wenn ich mir Ihr Lied „Alles ist easy“ anhöre, habe ich den Eindruck, dass Ihnen die „Verenglischung“ der deutschen Sprache nicht gefällt. Ist das so?

Die deutsche Sprache hat Ecken und Kanten, sie hat unglaubliche Präzision. Wie ein Slalomfahrer, der ganz nah an den Slalomstangen einen schwierigen Hang herunter fährt. Die Sprache hat 1.000 Schwierigkeiten zu bewältigen, aber sie hat 100.000 Möglichkeiten, Feinheiten auszudrücken. Nicht umsonst ist es die Sprache Goethes und Schillers und vieler anderer ganz großer Geistesriesen. Es hat alles deutsche Wurzeln und wir sollten uns auch dieser positiven deutschen Wurzeln bewusst sein. Wenn ich ein englisches Wort verwende wie „Easy“ auf der neuen Platte, dann hat das natürlich einen Zweck. Ich stelle immer das englische dem deutschen Wort gegenüber. Und ohne es zu kommentieren, sage ich damit, dass ein Teil von uns bereit ist, viel Deutsches aufzugeben, um alles im Englischen auszudrücken. Und dann wird die Sache nämlich „easy“ und belanglos, und das versuche ich mit freundlichen Worten in dem Lied auszudrücken. „Alles ist so easy, alles ist so leicht, alles ist so easy, alles ist so seicht.“ Ich meine, das sagt einiges aus.

Redaktion:
Nach viel Sehnsucht, aber auch Hoffnung klingt Ihr Lied „Die Frau, die ich nie traf“. Da ist ein Suchender unterwegs. Oder?

Es steckt in vielen von uns so ein Gedanke drin, ob wir nun verheiratet sind, eine Freundin haben, alleine leben, geschieden sind, das spielt ja letztlich keine Rolle. Es gibt immer einen Teil von uns selbst, der uns alleine gehört. Das ist der Teil unserer Gedanken, unserer Psyche, und in diesen Gedanken bewegen wir uns Gott sei Dank in freiheitlichem Terrain. Es ist uns gestattet, über alles nachzudenken, auch Gedanken, die wir nicht aussprechen. Und das ist auch gut so. Wir müssen diesen Freiraum haben. Hier denkt ein Mann darüber nach, der gerade mit dem Flugzeug weg fliegt – ein Gefühl, das ich wöchentlich dreimal habe – und dann runter schaut aus dem Fenster heraus. Die Häuser werden kleiner und er denkt sich vielleicht am Abend während die Lichter unten brennen, dass in einem dieser Häuser genau diese Frau ist, ‚die ich noch nie getroffen habe. Die aber genau so auf die Begegnung mit mir wartet und ich auch so auf die Begegnung mit ihr.‘ Das ist es wert, eine Geschichte darüber zu erzählen. Das ist eine Geschichte, die in einem Film erzählt werden könnte, aber auch in einem Lied. Und ich habe ja viele Lieder, die kleine Geschichten erzählen wie „Ich war noch niemals in New York“ und viele andere. Ich bin dankbar und froh, wenn ich solche Geschichten bekomme, wenn mir solche Geschichten einfallen. In diesem Fall ist es dem Wolfgang Hofer eingefallen, der hat gesagt: „Was hältst du denn davon?“ Schon alleine die Zeile „Die Frau, die ich nie traf“. Da habe ich gesagt, das sei eine großartige Zeile, das ist wunderbar. Weil die Gefühle einfach jeder von uns mal hat. Und viele Frauen haben natürlich das Gefühl, auch wenn sie verheiratet sind, dass es einen Mann gibt, ‚den ich noch nie getroffen habe. Wenn ich den getroffen hätte, dann wäre mein Leben in eine ganz andere Richtung gelaufen.‘ Da ist ein absolut legitimer Gedanke und es ist gut, wenn man ihn denkt, das befreit.

Redaktion:
Ihre Lieder enthalten sehr viel Menschenliebe, aber sie scheinen nicht der Mann zu sein, der seine Zuneigung auf eine bestimmte Person kanalisieren mag oder kann. Wie sehen Sie das?

Ich bin zweimal geschieden. Die Beziehung auf Ewigkeit hat nicht gehalten, wie man das sich so oft wünscht oder erträumt. Ich hadere mit dem nicht. Ich glaube, man muss dankbar sein für 14 Tage, für ein Wochenende, für zwei Jahre, für zehn Jahre. Egal wie lange eine Sache dauert, wenn sie in dieser Zeit gehaltvoll ist, gute Gespräche hat, eine wunderbare Nähe hat, dann ist es ein Geschenk, das wir erleben dürfen und so habe ich diese Dinge immer verstanden. Deswegen blicke ich eigentlich nie im Zorn zurück, sondern nur in Dankbarkeit.

Redaktion:
Welche Erfahrungen haben Sie mit Freunden gemacht?

Ich lebe so sehr zufrieden und glücklich mit den sehr, sehr tiefen und großartigen Freundschaften, für die ich unendlich dankbar bin. Und wie ich festgestellt habe in meinem Leben, sind Freundschaften, besonders Männerfreundschaften, etwas unglaublich wertvolles. Also dieses sich von selbst verstehen, was unter Männern leichter eintritt, als zwischen Mann und Frau. Ich lese darüber gerade ein faszinierendes Buch über Schiller und Goethe, eine der tollsten Männerfreundschaften, die es je gegeben hat, auf höchstem geistigen Niveau. Da fühle ich mich sehr berührt, weil ich das zum Beispiel mit meinem Schwiegersohn erlebe. Ich glaube, dass diese Freundschaften sehr prägend und sehr wichtig sind, und es ist nicht so wichtig, dass man im Leben letztendlich sagt, ich bin verheiratet und dieser eine Mensch, auf den konzentriert sich alles. Damit habe ich immer Probleme gehabt, meine Gefühle, meine geistigen Gefühle, meine Zuneigungen, immer auf einen Menschen zu konzentrieren. Liebe geht nicht nur in Richtung Frauen, ich liebe auch Männer, bitte nicht im Sinne von Sexualität, aber es ist trotzdem Liebe. Es ist absolut Liebe, wie ich zu ein paar Männern auf dieser Welt stehe, die ich sehr gut seit vielen Jahren kenne. Und ich weiß, dass ich auch von denen wieder geliebt werde.

Redaktion:
Sind Sie mehr der offenherzige Typ oder eher misstrauisch?

Ich bin überhaupt nicht misstrauisch. Ich zahle ununterbrochen Lehrgeld, auch rein finanziell, weil ich jedem Menschen erst einmal alles glaube. Dann gebe ich sofort was, dann kriege ich es entweder nicht zurück oder werde enttäuscht. Das passiert immer wieder, aber ich kann mich nicht ändern. Ich bleibe so, wie ich bin, auch in meiner Zutraulichkeit und in meinem grenzenlosen Vertrauen zu anderen Menschen. Natürlich habe ich das Vertrauen sicherlich nicht, wenn mich eine gewisse Mimik abstößt von einem Menschen, wo das Hinterhältige bereits sichtbar ist. Das ist ja durchaus möglich, da bin ich dann vorsichtig. Aber ein Mensch, der mir freundlich begegnet, der kann alles von mir haben und manchmal bin ich da viel zu großherzig.

Redaktion:
Auf Ihrem Album wechselt sich die subtile Kritik an Missständen mit dem großen Gefühl ab. Was hat Sie bewegt, Ihr Lied „Liebe lebt“ zu kreieren?

Ich glaube, in einer Zeit, wo wir so viel Hass erleben, wo wir auch so viel Niedertracht erleben, wo wir erleben müssen, dass Menschen nicht davor zurückschrecken, unschuldige Kinder und Frauen mit in ein Problem hinein zu ziehen, in dem man ihr Leben nimmt; die so weit gehen in der Niedertracht des Denkens, in so einer Zeit, wo so ein Hass, der so gar nicht gesellschaftsfähig ist, aber in gewissen Gesellschaftskreisen auf diesem Erdball als gesellschaftsfähig gilt, wo dann solche Menschen zu Helden werden, da muss man schon nachdenklich werden. Und da wird es Zeit, der Liebe eine Hymne zu geben. Das Lied „Liebe lebt“, das sind doch wunderbare Bilder, die wir da sehen, und das ist Liebe. Dieser Liebe wollte ich ein Lied widmen. Ein Lied, das nicht das du und ich, also egoistisch die Liebe schildert, sondern ein Lied, das sie als großes Gefühl schildert. Und zu diesem Gefühl bin ich immer fähig gewesen, heute noch mehr denn je.

Redaktion:
Ihrem Album ist Ihr Faible für Jazz anzumerken.
Besonders bei Ihrem Lied „Schenk’ mir einen Traum“

Ich glaube ja sowieso, dass Rhythm’ n’ Blues und Jazzmusik einen unglaublichen Einfluss auf die gesamte Popszene und Popmusik haben. Und Popmusiklieder, die ihre Wurzeln hörbar im Jazz haben, das sind immer die wirklich guten Songs. Ich habe als sehr junger Bursche – in meinen Anfangsjahren war ich längere Zeit in Amerika und habe in Harlem, in New York und in Pittsburgh und in verschiedenen Städten in Jazzclubs auch spielen dürfen für einen Apfel und ein Ei – eine für mich sehr prägende Zeit erlebt. Und meine Jazzbegeisterung ist geblieben bis heute. Die mache ich jetzt noch mehr hörbar, als ich das in der Vergangenheit schon gemacht habe. Und dieses Lied „Schenk’ mir einen Traum“ zeigt deutlich die Liebe zum Bigband-Jazz und all diesen Dingen. Da wollte ich mal kompromisslos so etwas machen, also nicht so angedeutet nur mal ein bisschen Bläser rein. Ich wollte kompromisslos mal was aufnehmen und ich glaube, das ist uns auch gelungen.

Redaktion:
Nach Jazz klingt auch Ihr Lied „Mein erster Weg“.

Das ist eine Bossa-Nova-Jazzrichtung. Und damals war ich noch ganz stark in dieser Art verwurzelt, musste dann aber sehr kommerzielle Lieder aufnehmen zu einer Zeit, als ich meine ersten Schallplatten gemacht habe. Damals hat sich eine Sängerin ein Lied von mir gewünscht. Da habe ich diesen „ersten Weg“ für sie geschrieben, den habe ich dann einfach ziemlich jazzig gemacht. So hatte ich dann dieses Lied und habe es später auch selber aufgenommen. Jetzt habe ich es nach vielen, vielen, vielen Jahrzehnten zufällig irgendwo gehört und gedacht, mein Gott, ist das ein guter Song. Dann habe ihn noch einmal neu bearbeitet und aufgenommen.

Redaktion:
Darf ich davon ausgehen, dass Sie im Laufe Ihres Lebens den Oktober erreicht haben und Ihr Lied „Oktoberwind“ eine Metapher dafür ist?

Wahrscheinlich bin ich in meinem Leben schon im November, gemessen an den Jahreszahlen.  Aber nach gefühltem Leben bin ich noch nicht mal im September, also das geht ja nicht immer ganz parallel. Aber der Oktober erschien mir als wunderbare Metapher für ein Lied, weil er natürlich nicht nur die kalte Jahreszeit einleitet, sondern er ist auch unglaublich schön, der Indian Summer, die goldenen Blätter. Das Vergehen der sommerlichen Schönheit hat auch etwas unglaublich Poetisches, deswegen habe ich dieses Lied gemacht und lange überlegt, wie ich das machen soll. Ich habe jegliche Rhythmusgruppe weg gelassen, es gibt kein Schlagzeug, es gibt keinen gezupften Bass, es gibt keinen Elektrobass, gar nichts. Ich spiele Klavier mit einem sinfonischen Orchester, das ist alles.

Redaktion:
Sie sind im vergangenen Jahr 75 geworden. Wie empfinden Sie Ihr Alter?

Das ist eine der spannendsten Fragen meines Lebens, über die ich manchmal sehr bedrückt nachdenke. Manchmal auch mit einer gewissen Heiterkeit… Immer dann, wenn ich darüber spreche, erscheint mir das Problem gar nicht da zu sein. Wenn ich alleine bin und nachts vielleicht auch mal, weil ich nicht schlafen kann, weil ich zu viele Gedanken im Kopf habe, das ist immer der Hauptgrund. Dann kann es auch sein und dann ist es auch der Fall, dass man über dieses Thema mal bedrückt nachdenkt. Das ist eigentlich auch gut so, das muss auch mal sein. Wenn ich mit anderen Leuten in meinem Alter spreche, dann sagen die alle, Junge, das ist ganz normal. Wir müssen auch unsere Bedrücktheit zu diesem Thema haben, weil auf diese Situation im Leben zuzugehen mit offenem Augen, mit offenem Verstand, das erfordert Kraft. Und Alter ist nichts für Feiglinge, das ist etwas für mutige Menschen. So gesehen empfinde ich das Alter gar nicht so katastrophal, sondern es gibt dem Leben eine unglaublich interessante Farbe. Das einzige Bedrückende ist halt, dass man im Alter weiß, dass es nicht mehr so wahnsinnig lange dauert. Und das gerade zu einem Zeitpunkt im Leben, wo man sagen könnte, ich mache jetzt gerade eine Tür auf, die hoch interessant ist. Aber natürlich ist es eine Last, wenn man im Alter von Krankheit und vielen Problemen begleitet wird. Ich habe das unglaubliche Glück – und da glaube ich, muss ich jetzt irgendwo auf Holz klopfen -, dass mir das so nicht ergeht. Ich erlebe es in der herbstlichen Schönheit.

Redaktion:
Sie wünschten sich schon vor längerer Zeit mehr Demut.
Hat Demut sich eingestellt bei Ihnen?

Die Demut wird größer. Ich hatte Schwierigkeiten als junger Mann, da war die Demut nur da, wenn ich Großes gesehen oder erlebt habe. Zum Beispiel wie ich als 22-Jähriger ohne Geld in der Tasche an einem Broadway Theater stand und mir keine Karten für die Premiere der West Side Story kaufen konnte. Ich bin an der Bühnentür hinten gestanden, denn da konnte man ein wenig so durch die Kulissen und durch die dünnen Türen das Orchester spielen hören und manchmal auch eine Stimme. Die amerikanischen Theater sind ja keine massiven Bauten wie bei uns. Da bin ich dann manchmal drei Stunden hinter dem Theater im Dunkeln an einer Türe gestanden und habe die Lieder zum ersten Mal schemenhaft gehört: „Maria“, „There’s A Place For Us“, da war ich demütig vor dem Genie Leonard Bernstein. Die Musiker, die so etwas schaffen können, vor denen habe ich Demut, aber es selber zu lernen, das gelingt nur später im Leben.

Redaktion:
Zum Ihrem 75. Geburtstag gab es im vergangenen Jahr eine große Fernsehgala  Wie empfinden Sie diese Art von Sendungen?     

Also ich tue alles, was in meiner Menschenmacht steht, solchen Sendungen zu entgehen. Ich bitte die Fernsehgewaltigen auf Knien, mein Management, alle Menschen um mich herum, wie man verhindern kann, dass ich im Fernsehen geehrt werde! Es ist eine Ehre, natürlich auch für mich eine große Ehre. Aber ich weiß auch, dass es mit einem großen seelischen Stress verbunden ist.

Redaktion:
Dass Sie in Österreich geboren sind und heute in der Schweiz zuhause sind, bedenkt man manchmal gar nicht so sehr, da sie von der deutschen Showszene so vereinnahmt zu werden scheinen. Empfinden Sie das auch so?

Ich bin stolz, dem deutschen Kulturkreis anzugehören. Und der deutsche Kulturkreis ist Deutschland, Österreich und die Schweiz und die Nachbarländer, die die deutsche Sprache noch sehr zahlreich sprechen, so wie in Dänemark oder Holland. Das ist eine tolle Sache. Aber in erster Linie fühle ich mich als Europäer. Ich bin in Österreich geboren und ich finde Österreich ein unglaublich tolles, wichtiges Land vor allem im kulturellen Bereich. Und Deutschland hat mir den Teppich ausgerollt. Ich bin diesem Land unendlich dankbar, dass es mich entdeckt hat, dass es meine Art, Musik zu machen, verstanden hat. Und das in einer Zeit, als man komplett andere Musik gemacht hat. Die Beatles waren gerade neu und ich war überhaupt nicht der Typ, der in dieser Richtung viel versprechend erschien. Aber das hat in Deutschland funktioniert und in Belgien und Frankreich… Diese Länder haben mich zuerst entdeckt und darüber bin ich natürlich schon sehr froh.

Redaktion:
Welche Rolle spielt die Musik für Sie in Ihrem Leben?

Musik hat eine große Rolle in meinem Leben gespielt und es war mir relativ früh klar, dass ich mit Musik in meinem Leben mal auf- oder untergehen würde. Also, ich wollte nichts anderes machen als Musik. Da habe ich am Klagenfurter Konservatorium als Gastschüler am Mozarteum in Salzburg ein nicht seriös betriebenes Musikstudium betrieben und sehr früh eine Band gegründet. Ich habe live Musik gemacht und meine Erfahrungen auf kleinen und winzigen Bühnen im Kabarettprogramm gesammelt.

Redaktion:
Vor inzwischen sieben Jahren (2004) ist Ihr Buch „Der Mann mit dem Fagott“ erschienen. Jetzt ist es verfilmt worden. Wie denken Sie als Autor?

Ich habe immer gesagt, dass man das nicht verfilmen kann, weil der Stoff viel zu groß ist. Es ist eine Geschichte, die sich über das gesamte letzte Jahrhundert erstreckt und es ist nicht meine Geschichte. Es ist die Geschichte meiner Familie, mit Streiterei, mit Liebe, Zuneigung, Abneigung und all diesen Dingen. Die haben bei uns auch stattgefunden, wie sich das in einer ordentlichen Familie auch gehört, finde ich. Und diese Geschichte, die in Russland beginnt, habe ich mit meiner Co-Autorin Michaela Moritz niedergeschrieben. Ich habe nie den Mut gehabt, ich habe es einfach für mich und vor allem für meine Familie gemacht. Ich dachte, es wäre interessant, später mal zu wissen, wie die Zusammenhänge alle gelaufen sind. Und wie wir es geschrieben haben, fingen die Leute – auch Bekannte von mir – an, es einfach zu lesen. Und einmal auf dem Flug nach New York hat es der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann in der Maschine gelesen. Der kommt nach einer halben Stunde auf mich zu und sagt: „Hör‘ zu, das ist der Wahnsinn, das muss verlegt werden, das ist Dir schon klar.“ Lange Rede, kurzer Sinn, es wurde verlegt und es wurde ein Bestseller. Zwei Produzenten riefen an und sagten, sie wollen das verfilmen. Dann habe ich eine Zeit lang damit verwendet, um denen klar zu machen, dass das gar nicht geht. Sie sollen sich mal das Buch anschauen, es ist viel zu viel los in diesem Buch. Es kommt Monarchie, es kommt erster Weltkrieg, es kommt Zweiter Weltkrieg, mein Großvater als 19-Jähriger, mein Großvater kurz vor seinem Tod, mein Vater, ich als Kind, ich als junger Mann, also wie soll das alles gehen? Die Antwort war: „Ja, wir finden gerade das interessant, wir wollen das machen.“

Redaktion:
Wer hat Sie überzeugen können, Ihr Buch „Der Mann mit dem Fagott“ letztlich doch zu verfilmen

Die größte Begeisterung hat Frau Ziegler für das Projekt gehabt. Sie hat sich nicht abbringen lassen und gemeint, ich könnte sagen, was ich will. „Besser du arbeitest mit, denn ich werde dieses Buch verfilmen, weil ich die Rechte beim Verlag und bei deinem Management schon erworben habe. Deshalb mache ich das Buch auch gegen deinen Widerstand, damit du das klar siehst.“ Und dann dachte ich, natürlich, okay, wenn das so ist, dann müssen wir es probieren. Anschließend haben wir wirklich vier Jahre an dem Buch gearbeitet, und es war sehr schwer, das Buch zu erstellen. Wir mussten sehr große Teile weg lassen, kürzer machen und auf einmal war ein Drehbuch da, wo ich wirklich gesagt habe: „Donnerwetter“. Und dann kamen die Dreharbeiten mit einem Kameramann, der ein Geschenk des Himmels ist: Gernot Roll, eine deutsche Kameralegende, der schon im alten deutschen Kino verankert war und in der neuen Zeit auch. Der hat Bilder gezaubert, dass man sich gegenseitig anschaut und sagt: „Das kann nur ein Hollywoodfilm sein!“ Solche prachtvollen Bilder sind das und dazu dieses gute Buch und die großartigen Schauspieler.  Der Ulrich Nöthen oder ein junger Schauspieler, David Rott, der schaut genauso aus wie ich mit 20 Jahren ausgesehen habe. Also wirklich genauso, wenn man dem die Haare hinmacht. Ich habe die Bilder gesehen, ein altes Foto von mir, und dann erst beim dritten Hinschauen gemerkt, das ist ja der David! Da kamen so viele gute Momente zusammen, dass wir alle der Meinung sind, da kommt etwas Unglaubliches auf uns zu. Möglicherweise ist das ein guter Film geworden.

Redaktion:
Wie sind Sie mit David Rott umgegangen, mit dem Mann, der Sie im Film „Der Mann mit dem Fagott“ verkörpert?

Ich habe ihn natürlich zu mir eingeladen. Er war etwas nervös, dass er die musikalischen Dinge umsetzt, denn er ist ja kein Pianist. Da habe ich ihm gesagt, er könne ganz beruhigt sein, das werden wir schon hinkriegen. Er hat alle alten Filme von mir angeschaut. Ich habe bei mir zu Hause vorgespielt und gesungen, so dass er meine Körpersprache kennen lernt. Er ging in mehrere Konzerte, weil ich gerade auf einer Solotournee in Deutschland war. Das war eine ganz großartige Beziehung, die wir beide aufgebaut haben. Und er hat mit großer Freude Klavierspielen gelernt, denn meine Produzentin hat ihm gleich einen Klavierlehrer geschickt. Ich habe gesagt, er solle ihm mal beibringen, wie die Hände in etwa funktionieren. Das macht dann doch viel aus. Und er hat dann so eine Freude am Klavierspielen bekommen – obwohl er ja wirklich ein Anfänger war mit seinen 30 Jahren -, dass ich ihm das Klavier geschenkt habe, auf dem er gelernt hat.

Redaktion:
Werden Sie wieder auf Tournee gehen?

Die Welt ist verrückt und ich sowieso, deswegen gehe ich in meinem Alter auch wieder auf Konzerttournee. Und nicht, weil ich das muss und weil mich jemand zwingt, sondern weil es mich dazu drängt. Ich habe ein Album und die Lieder auf diesem Album schreien danach, auch live auf der Bühne gespielt zu werden. Wenn es ein Publikum geben sollte, das diese Lieder hören möchte – und das werden wir ja alle im Laufe der nächsten Monate feststellen – , dann werde ich da sein, dann werde ich auf die Bühne gehen, werde mich ans Klavier setzen und diese Lieder spielen. Und die anderen alten Sachen auch. Es ist die größte Erfüllung, die es für einen Musiker gibt, auf die Bühne zu gehen und live vor Menschen zu spielen. Der einzige Gedanke dagegen ist der, dass es natürlich viele Leute gibt, die denken, wann hört denn der endlich auf, der macht doch lang genug?! Hält ihn die Eitelkeit oder die Gier, was hält ihn eigentlich fest, er soll doch froh sein, wenn er mal im Liegestuhl sitzen kann. Dazu möchte ich nur sagen, dass ich Liegestühle nicht mag, dass ich Musiker bin. Und dass für mich, solange ich die geistige und seelische und körperliche Kraft habe, immer das Klavier ein Platz sein wird, an dem ich sitzen werde.  Niemand wird gezwungen, mir zuzuhören, aber je mehr Leute das tun, desto mehr fühle ich mich glücklich. Natürlich gehört auch dazu der Gang, der schwere Gang auf eine Konzertbühne und die große Verantwortung, die man dort trägt. Dazu kommt all die große Vorbereitung, die auch wiederum ein Jahr dauert. Ich beginne jetzt, mich auf diese Tournee vorzubereiten, indem ich anfange, die Texte zu lernen und vor allem ein Programm, eine Dramaturgie zu entwickeln. Es ist wieder alles in der Pipeline und ich hoffe, dass ich das alles so machen kann, wie ich mir das wünsche.

Redaktion:
Sind Sie nach wie vor der große Perfektionist?

Der Anspruch nach Perfektion ist sehr groß und der wird, je länger man diesen Beruf ausübt, eigentlich immer größer. Mein Erfolg ist erst nach meinem 30. Geburtstag eingetreten. Vorher galt ich als ein ewiges Talent. Dadurch habe ich aber ein ganz gutes Standbein, da ich so viel gemacht habe, so viele unterschiedliche Dinge machen musste: Ich war Filmschauspieler, habe im Musik-Kaffeehaus und in der Hotelhalle gespielt, dann in kleinen und in größeren Bands. Es gab kleine Konzerte, größere Konzerte, dann meine Megakonzerte; das ist ein sehr kontinuierlicher Weg, wo ich das wirklich lernen konnte, was heute alles ganz natürlich erscheint.

Redaktion:
Es hat eben so geklungen, als ob Ihr Lied „Schenk’ mir einen Traum“ für Sie so etwas wie eine Sonderstellung einnimmt neben allen anderen neuen Liedern?

Da ist mir eine Musik eingefallen, die mich an George Gershwin erinnerte, an mein großes Idol als Komponist. Musik wie Gershwin zu schreiben, das war, als ich ein junger Mann war, mein ganz großes Ziel. Ich wusste, es ist unerreichbar, aber man muss unerreichbare Ziele haben, um ein wenig zu erreichen. Dann ist mir eine Melodie eingefallen und da hat mein Textdichter, der Wolfgang, gesagt: „Das könnte von Gershwin sein, ohne dass du einen Ton geklaut hast, das ist Feeling.“ Da war ich ganz stolz und er kam dann mit der Zeile „Schenk‘ mir einen Traum“. Die erzählt ja so gar nicht viel, diese Zeile. Nur die Geschichte, die dann erzählt wird, ist eine der schönsten Geschichten, die ich in Liedern drin habe. Da bittet jemand: „Erzähl‘ mir einen Traum, erzähl‘ mir, dass es besser wird auf der Welt und erzähl‘ mir nicht die Wahrheit. Ich will jetzt mit dir zusammen träumen, erzähl’ mir diesen Traum nach einer besseren Welt…“ Da sind sehr schöne Bilder in diesem Lied und deswegen glaube ich, dass es ein wunderbares Lied geworden ist, obwohl sich der Titel „Schenk‘ mir einen Traum“  fast banal anhört.

Redaktion:
Wem ist das Lied „Gute Reise durch das Leben“ gewidmet?

Ich habe Gott sei Dank Enkel, es sind ganz wunderbare Enkel. Und ich habe dazu das große Glück, dass sie von ihrer Blutmischung her deutsch, österreichisch und koreanisch sind. Es sind wunderschöne Kinder, die so einen phantastischen Charakter haben. Und natürlich habe ich als Opa meinem kleinen Enkel, der inzwischen 11 Jahre alt und ein liebenswerter Junge ist, ein kleines Lied gewidmet. „Hab‘ auch genug Tränen für Dein Leben bereit“, heißt es in dem Lied.  Also nicht nur „ich wünsche Dir Glück und Zufriedenheit“, sondern „hab‘ genug Tränen, du wirst sie brauchen“. Auch das wird ausgesprochen, das sind die Gedanken, auf die es mir immer ankommt in Liedern, damit sie nicht peinlich und schmalzig werden. Das erzählt diese Geschichte.

Redaktion:
Welchen Vorteil hat Ihr Alter?

Eigentlich bin ich mit dem Älterwerden in meiner Auffassung vom Miteinanderleben auch menschlicher, mitmenschlicher und sozialer geworden. Dem stehe ich sehr positiv gegenüber, da ruhe ich sehr zufrieden drin.

Redaktion:
In Ihrem Lied „Am Ufer“ deuten sie „Ihr Ankommen“ an

Etwas bin ich angekommen. Es heißt ja in der letzten Zeile von diesem Lied, dass der Weg zu mir krumm und verbogen war. Es ist ein Ufer da, an dem ich gerade so irgendwie ankomme, das kein Ende bedeutet, sondern wiederum einen Anfang, auch wenn es ein kurzer Anfang ist.

Redaktion:
Möchten Sie noch mehr erreichen?

Immer wieder anzufangen, das ist das ganz Entscheidende, aus dem Grund möchte ich nie ganz ankommen.

Sony Music Entertainment Germany GmbH

http://www.udojuergens.de/

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