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Klassik: Hélène Grimaud feiert gleich drei Premieren

Hélène Grimaud feiert auf ihrem neuen Album gleich drei Premieren: Ihre erste Mozart Aufnahme, erste Live-Aufnahme und die erste Aufnahme mit Orchester, die sie vom Klavier aus selbst dirigiert. „Das Zusammenspiel auf höchstem Niveau“ (SZ) mit dem Kammerorchester des Bayrischen Rundfunks bei den beiden Münchener Konzerten im Mai 2011 inspirierten Grimaud zur Veröffentlichung dieser CD.

Zusätzlich zu den Klavierkonzerten in F-Dur und A-Dur enthält die CD eine Studio-Aufnahme der Mozart-Arie ‚Ch’io mi scordi di te‘, gesungen von Mojca Erdmann.

Was Mozarts Musik für Hélène Grimaud so besonders macht, sind ihre Anmut und absolute Schwerelosigkeit. »Er ist tief, aber nicht schwer. Das hebt ihn von vielen anderen ab.« Und genau deshalb sei es nicht leicht, bei Mozart den richtigen Ton zu treffen. Man müsse ihn spielen wie in der Kindheit, als man sich ihm ganz schlicht und selbstverständlich nähern konnte, alles natürlich im Fluss gewesen sei. »Diese Reinheit des Ausdrucks wieder zu finden, ist eine Herausforderung.«

Mozart: Klavierkonzert Nr. 19 + 23, KV. 459 + KV. 488
Das Adagio des A-dur-Konzertes KV 488 gehört zu den magischen Eingebungen Mozarts und ist für Hélène Grimaud der vielleicht schönste Satz, den er je für Klavier komponiert hat. »Selbst wenn wir nur diesen Satz von ihm hätten, wäre das genug.« Ob Mozart die für ihn völlig ungewöhnliche Tonart fis-Moll so verstanden wissen wollte wie sein Zeitgenosse Daniel Schubart – »ein finsterer Ton, er zerrt an der Leidenschaft wie ein bissiger Hund am Gewande« – sei dahingestellt. Doch auch wenn Mozart zweifellos immer wieder dazu neigte, seine wahren Gefühle hinter einer Maske zu verbergen, hier, in diesem tiefgründigen, innigen und von Herzen kommenden Satz tat er es – davon ist Hélène Grimaud überzeugt – sicher nicht.

Vielleicht lässt sie sich deshalb soviel Zeit in diesem einzigartigen Adagio, das sie langsamer spielt als fast alle ihrer Kollegen, auch wenn sie meint, sie habe das Tempo aus der Konzertsituation heraus gewählt. »Ich habe es im Moment des Konzertes und in dieser Akustik so empfunden. Die Rückkehr des Klangs bestimmt, wann man die nächste Note spielt, Tempi richten sich immer nach dem Saal. Aber ganz grundsätzlich: Einen solchen Satz komponiert man nicht zufällig. Um philosophisch zu werden: Wenn man in diesem Adagio nicht an die Grenzen geht, wo will man es dann tun?« Das ändert nichts daran, dass sie eine völlig klare, eher bodenständige Vorstellung von diesem Komponisten besitzt. Begriffe wie überirdische, engelhafte Musik sind ihr höchst suspekt. »Mozart war ein Besessener. Die Idee, das käme irgendwie aus einer anderen Welt, von oben, sei Musik eines Engels, stimmt natürlich überhaupt nicht. Es ist die Musik eines Menschen. Wenn Sie Mozarts Briefe lesen, müssen Sie nicht sehr weit schauen, um herauszufinden, wie er war. Dieses Element von Leidenschaft, das unserem Leben Sinn gibt, ist immer da bei ihm.«

Mit Masken spielt Mozart für Hélène Grimaud gleichwohl, nur sieht sie den Maskenspieler nicht in Sätzen wie dem Adagio des A-dur-Konzertes, sondern in ganz anderen Passagen: den fröhlichen, eher unbeschwert wirkenden. »Das Überschäumende, vermeintlich Glückliche im Ausdruck grenzt für mich oft ans Hysterische, es hat oft etwas Instabiles.« In den Außensätzen des A-dur-Konzertes hört sie solche Momente und im Finale des F-dur-Konzertes KV 459. Schon wahr, »sehr virtuos, lebhaft und überschäumend« sei dieser Satz. »Und doch gibt es selbst hier Momente voll manischer Energie, die fast eine Flucht in eine Trance sind, in denen nicht nur Freude und Glück herrschen.«

Was Mozarts Musik für Hélène Grimaud so besonders macht, sind ihre Anmut und absolute Schwerelosigkeit. »Er ist tief, aber nicht schwer. Das hebt ihn von vielen anderen ab.« Und genau deshalb sei es nicht leicht, bei Mozart den richtigen Ton zu treffen. Man müsse ihn spielen wie in der Kindheit, als man sich ihm ganz schlicht und selbstverständlich nähern konnte, alles natürlich im Fluss gewesen sei. »Diese Reinheit des Ausdrucks wieder zu finden, ist eine Herausforderung.« Der zweite Satz des F-dur-Konzertes ist diesbezüglich für die Pianistin ein wunderbares Beispiel. »Er ist so entwaffnend in seiner Schlichtheit. Und dann gibt es wieder unglaublich fesselnde Momente, die atemberaubende Wendung nach Moll etwa.«

Hélène Grimaud ist immer für das Ungewöhnliche gut. Von ihr stammt natürlich auch die Idee, die beiden Klavierkonzerte ihres Münchner Konzertauftritts nicht durch ein drittes zu ergänzen, sondern mit »Ch’io mi scordi di te? – Non temer, amato bene« KV 505 zu kombinieren. Das Werk liebt sie seit vielen Jahren. »Ein Juwel, ein wunderbares Stück. Der Sopranpart ist fantastisch, die Beziehung zwischen Sopran, Orchester und Klavier großartig. Das hat etwas von flüssigem Gold, die Einwürfe des Klaviers changieren zwischen Seide und Spitze. Und auch hier gibt es diese wunderbare Schwerelosigkeit.«

Tatsächlich gehört die Arie zu den schönsten, die Mozart überhaupt komponierte. Die Art, wie er Stimme und Klavierpart in Beziehung zueinander setzt und aufeinander reagieren lässt, ist einzigartig in seinem Schaffen. Fast ist man versucht, das Stück als eine versteckte Liebeserklärung an Nancy Storace, seine erste Susanna in Figaros Hochzeit zu deuten, für die er diese Szene und Rondo komponierte. Er selbst saß bei der Uraufführung 1787 am Klavier. Hélène Grimaud möchte es nicht so direkt biographisch sehen. »Es ist eine Liebeserklärung mit Klängen anstatt mit Worten. Natürlich gibt der Text Hinweise, um was es geht. Aber für mich ist das zweitrangig. Die Musik muss ihre eigene Struktur und ihren emotionalen Gehalt erhellen. Wer an der Szenerie und dem Text klebt, reduziert die Musik. Man kann sich alles Mögliche vorstellen: das Klavier als männlichen Part, die Stimme als weiblichen – oder anders herum. Am Ende triumphiert die Liebe, sogar in der Resignation. Noch aus der Perspektive des gebrochenen Herzens bleibt die Liebe stärker – für mich eine schöne Botschaft.«
Oswald Beaujean

http://www.helenegrimaud.com/

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