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Roboter essen kein Sauerkraut – 70iger: Als Musiker und Fans noch revoltierten

Gestern abend (14.1.2012) lief spät nachts auf Arte noch eine Dokumentation über die deutsche „Popmusik“-Entwicklung der späten 60iger bis 70iger Jahre mit dem Titel „Roboter essen kein Sauerkraut„. Ein Zusammenschnitt der sechsteiligen WDR-Reihe „Kraut und Rüben“ aus dem Jahre 2006. Stefan Morawietz, der schon viele Musik-Dokus gedreht hat, führte Regie in dieser Doku.

Foto: Screenshot YouTube

Im Gegensatz zu den heutigen „2010ern“ begann Ende der 60iger musikalisch auch in Deutschland eine Epoche, die sich endlich vom Muff der alten Zeiten befreien wollte. In der damaligen Plattenbranche, heutzutage passend Musikindustrie genannt, wurden vor allen Dingen die Interessen der älteren Menschen abgedeckt. Dumpfe Schlager, Volksmusik oder Klassik wurde gefördert und auch gefordert.

Die aufkommende „Beatmusik“ wurde als Musik aus der Hölle bezeichnet und die Eltern inkl. der Medien sahen die Kinder und Jugendlichen, die diese Musik gut fanden, schon in die finstersten Abgründe fallen. Aber auch die Musik der Beatles, später die „härteren“ Sachen von z.B. Blind Faith oder Steppenwolf wurde bald kommerzialisiert und dann auch vom älteren Mitbürger weitgehend mehr oder weniger gerne akzeptiert.

Nun aber begann die Jugend auch politisch gegen Staat und Eltern aufzumucken, es gab ja auch genug Themen. Der Muff aus den Universitäten sollte verschwinden, der Vietnam-Krieg war Thema und vieles mehr. Und die Jugend leistete sich noch viel mehr wie heute den Mut, auch auf die Straße zu gehen.
Kommunen bildeten sich und damit auch Musik-Kommunen. Und diese Musiker wollten was anderes machen, „…was eigenes“, wie Loriot gerne in einem Sketch sagen lässt.

Nicht mehr Beatmusik nachmachen, sondern eigene Ideen, aber auch Zusammenlebensformen, entwickelten sich. Und so wurde der „Krautrock“ geboren. Das Wort allerdings wurde bei uns eher nicht benutzt, wir nannten es progressive Musik. Krautrock ist eine hämische Erfindung der Engländer für unseren damaligen Musikstil.

Und es entstand wirklich ein vielschichtiges und anderes Band-Gefüge, irgendwie völlig andere Musik, mal deutsch, mal auch mit englischen Texten. Hart, sphärig, jazzig, völlig abgehoben. Es war alles dabei. Es wurde „gehascht“, alles nur mögliche „eingeworfen“ oder einfach nur eine Riesen 2-Ltr.-Flasche Fusel getrunken. Hauptsache, man war ordentlich weggedröhnt. Und man soll sich wundern, trotzdem oder gerade deshalb entstanden damals wirklich gute „Songs“, die dann allerdings dank oftmals ziemlich endloser, aber durchaus spannender Improvisationen auch einmal bis zu 30 Minuten und länger dauern konnten.

Eine Band, die damals etwas auf sich hielt, z.B. CAN, GURU GURU, Amon Düül, eigentlich fast alle, hatten mindestens ein 15 Minuten-Stück oder länger auf der Langspielplatte. Heute kaum noch vorstellbar.

Dazu schreibt Detlev Mahnert:
Pioniere wie Amon Düül II, Guru Guru oder Can versuchen sich von Hit-Gruppen abzugrenzen.
…Rock wird zur Kunst erklärt und immer komplizierter. Kommerz, nein danke! Die elektronische Musik schließlich wird Deutschlands originärster Beitrag zur internationalen Popmusik, der allerdings am wenigsten damit zu tun hat. Trotzdem ist Elektronik für viele heute Synonym für „Krautrock“.

Aber wo konnte man diese Musik überhaupt hören?
Das war gerade „auf dem Lande“ gar nicht so einfach. Im Radio wurden diese Bands bis auf ein paar wenige Sendungen weitgehend ingnoriert, zumindestens anfänglich. Man kaufte also Platten. So auch wir. Ich, eigentlich in Hamburg geboren, ging damals nach Rendsburg. Und was machten wir? Klar, wir gründeten, aus Spaß und Geldgründen und weil es ja „alle“ machten, eine WG. Im Abbruchhaus im Hinterhof. Und ab dem ersten Tag war Party angesagt. Da gerade in Rendsburg solche „Gammler-WG“ noch sehr exotisch war, war unsere Bude immer voll. Riesen-Lautsprecher, ein umgebauter Fernseher, der die Tonhöhen wie ein Oszillator anzeigte. Das wars. Laute Musik und ab ging die Post. Die Nachbarn? Egal! Polizei, in der Regel wegen Ruhestörung? Egal! Das Leben war geil. Und die freie Liebe kam ja auch noch dazu. Vielen Dank an die Pille! Was will man mehr.
Die „Beatmusik namens „Krautrock“ war also auf einmal auch eine echte Lebens-Philosophie.

Nun wollte man aber auch mal raus und da ging das Problem los. In der örtlichen Disco wurde solch böse Musik frühestens auf Wunsch 1/4 Stunde vor Ladenschluss gespielt, damals noch oft gegen 1 Uhr (da gehen die heutigen Jugendlichen erst los).
Was blieb also übrig? Rein ins Auto. Gott sei Dank konnte man sich damals noch keinen BMW 7er leisten, man hatte Käfer, R4, Ente, Mini-Cooper oder ähnliches. Die fuhren nicht sehr schnell, hatten kaum PS und so konnte man es sich leisten, dank der damaligen hohen Promillegrenzen, auch nach ein paar Bier noch nach Hamburg oder Kiel zu düsen.

  • (Polizei-Kontrolle 1970: Was haben Sie getrunken? –
  • Fahrer: Ähh, drei Bier, einen Whisky (Anm.:…war natürlich mehr)
  • Polizei: Gut, dann fahren Sie nun ruhig und langsam nach Hause und lassen das Auto dann aber stehen. Gute Fahrt!
  • Fahrer: Ja, vielen Dank, tschüß, bis dann!)

In Kiel gab es das Revolution, mitten auf dem Dorf Nortorf eine alte, völlig verbarzte und verqualmte alte Mühle, in Schleswig einen Schloßkeller und wenn das nicht reichte, ging es nach Hamburg ins Grünspan. Und dort konnte man dann zur Musik und zum Projektor-Blubberlicht endgültig abheben. In diesen Schuppen jedenfalls war die neue deutsche Rockmusik angekommen. Wir waren happy.

So, das war mal die eigene Geschichte, wie ich diese progressiven Zeiten erlebt habe, natürlich nur als Mini-Ausschnitt.

Ein paar Teile der WDR-Doku haben wir ausgegraben, die können hier auf Video angeschaut werden:
Alle Folgen: http://www.youtube.com/watch?v=ybFwJ8FoawE

Oracle Records bemüht sich übrigens seit langen, eine DVD zu produzieren.

Wikipedia zum Thema Krautrock

Laut Wikipedia gehörten u.a. diese Bands zum damaligen Spektrum:
Agitation Free, Amon Düül, Ash Ra Tempel, Birth Control, Brainticket, Can, Cluster, Eloy, Embryo, Epitaph, Faust, Frumpy, Grobschnitt, Guru Guru, Harmonia, Hoelderlin, Ihre Kinder, Jane, Karthago, Kraan, Kraftwerk, La Düsseldorf, Nektar, Neu!, Novalis, Organisation, Percewood’s Onagram, Popol Vuh, Ramses, Sahara, Tangerine Dream, Thirsty Moon, Wallenstein

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Mario De Mattia / CIS Online Magazine

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